Europa recycelt seinen E-Waste nicht – es exportiert das Problem

von Kilian Kaminski, am 20.02.2026

Deutschland und Europa sprechen gern von Kreislaufwirtschaft. Von Verantwortung. Und doch war es ein Jahrzehnt leerer Versprechen. Der ehemalige Bundeskanzler Scholz arbeitete eng mit der Allianz für Transformation zusammen, in deren Impulspapier es heißt, Deutschland könne die Vorreiterrolle einnehmen (Bundesregierung, 2024). Seit 2025 gibt es hier wenig Fortschritt; unter Merz fehlen Impulse, die Kreislaufwirtschaft wirklich voranzutreiben.

Und in einem Bereich gibt es besonders viel Stillschweigen: Elektroschrott. Denn E-Waste ist nicht nur ein Recyclingproblem. Es ist ein Konsumproblem, ein Governance-Problem und letztlich ein Verantwortungsproblem, das Europa still und heuchlerisch auslagert. Nic ht in Statistiken, nicht in politische Reden – sondern in Container. Und in Länder, die weder von der ursprünglichen Wertschöpfung profitiert haben noch über die Mittel verfügen, die Folgen sicher zu bewältigen.

Und während diese Menge immer weiter steigt, werden nur 42.8% des europäischen Aufkommens von Elektroschrott offiziell dokumentiert, gesammelt und recycelt (E-Waste Monitor, 2025). Das sind nur 26,5 Millionen Tonnen. In 2025 wurden 14.4 Millionen Tonnen elektronisches Equipment in der EU verkauft - ein Anstieg von 89% seit 2012 - was in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien ein pro-Kopf Konsum von 33-45kg liegt. Und doch wurden nur 5.2 Millionen Tonnen E-waste gesammelt und eben den offiziellen Recyclingrouten zugeführt (European Environmental Bureau, 2025).

Co-founder Kilian Kaminski

Die ‘Blind Spots’ der europäischen Selbstbeschreibung

Europa erzeugt pro Kopf mehr Elektroschrott als jede andere Weltregion (E-Waste Monitor, 2025). Und dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, das Problem sei „unter Kontrolle“, solange die Bürgerinnen und Bürger Geräte in die richtigen Sammelstellen bringen oder verschiedene Initiativen wie den Reparaturbonus nutzen. Die symbolische Handlung – das korrekte Entsorgen – wird zur moralischen Entlastung für KonsumentInnen und PolitikerInnen.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Unbequemlichkeit: Ein erheblicher Teil dessen, was in Europa als „behandelt“ gilt, wird nicht innerhalb Europas verarbeitet. Es wird exportiert – häufig als „Gebrauchtware“ deklariert (Right to Repair, 2020). Laut Basel Action Network, welches als Teil der UN Basel Konvention globalen Abfallhandel reguliert, ist das sogenannte “Repairables Loophole” hier das größte Problem. Denn dieses Schlupfloch ermöglich, dass Schrott als Gebrauchtware deklariert wird. Das Basel Action Network veröffentlichte in 2017 einen Report über den Europäischen Export von Elektroschrott, in welchem es über GPS Tracker einigen Exporten folgte – und das Ergebnis zeigt nicht nur die Komplexität der Recyclingwege, sondern deckt auch dieses Schlupfloch weiter auf: Denn auch, wenn Recycling und Export in der Theorie nicht das Problem sind, geht es besonders darum, dass Müll als reparierbare Ware deklariert wird. Auch wenn hier tatsächlich logische und korrekte Gedanken die Grundlage waren, führt es dazu, dass massenhaft Elektroschrott in den globalen Süden verschifft werden.

Und auch, wenn die Zahlen bekannt sind, werden ihre Konsequenzen verdrängt: Der jüngste Global E-Waste Monitor der Vereinten Nationen beziffert das weltweite E-Waste-Aufkommen im Jahr 2022 auf 62 Millionen Tonnen (E-Waste Monitor, 2025) – der am schnellsten wachsende Abfallstrom weltweit, dreimal schneller als der Hausmüll. 62 Millionen Tonnen sind etwa so schwer wie 390 Kölner Dome oder 520 Allianz Arenen und verschwinden in informellen Strukturen, auf Deponien oder in Exportketten, die das Problem nicht lösen, sondern nur verlagert. Dieses Ausmaß ist den wenigsten KonsumentInnen wirklich bewusst – der Politik jedoch nicht. Ich stelle mir die Frage, wie das möglich ist. Und die Antwort ist bedauerlich: Weil die Politik nicht hinschaut, Grauzonen zulässt, keine Konsequenzen durchsetzt für grobes Fehlverhalten, und doch noch wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen kann. Das ist keine technische Panne. Es ist ein politisches und gesellschaftliches Muster: Wachstum um jeden Preis; Wachstum, das folgenblind ist. Und Konsum, der ungebremst und ohne jegliche direkte Konsequenzen für uns in Mitteleuropa möglich ist.

Gemeinsam mit meinen KollegInnen von EUREFAS, der European Refurbishment Association, habe ich zuletzt ebenfalls an der “Waste Shipment Regulation” mitgearbeitet – mit dem Ziel, dass elektronische Produkte nicht als Abfall deklariert werden – denn sobald sie als Abfall gelten, ist es bürokratisch und administrativ ungemein aufwändig, die Produkte weiter behandeln (z.B. refurbishen) zu dürfen. Hier beginnt bereits das Problem. Denn dafür bräuchten Refurbisher beispielsweise eigene Lizenzen, um den besonderen Auflagen gerecht zu werden. Zudem werden Produkte, sobald sie als Abfall bezeichnet werden, nicht mehr pfleglich behandelt. Das bedeutet, dass Transport und Sortierung sie so beschädigen, dass eine weitere Verarbeitung nicht möglich ist. Das ist klar gegen die Kreislaufwirtschaft. Das Ziel von EUREFAS ist hier, dass diese Waren in Europa bleiben – um die Europäische Kreislaufwirtschaft zu befähigen, die Unabhängigkeit in Sachen Ressourcen zu stärken, und den negativen Impact auf die Umwelt und besonders auf Menschen im globalen Süden zu mindern. Aber das Bild bleibt kompliziert.

Wir als KonsumentInnen lernen von klein auf, Müll zu trennen – und doch wird der globale Süden die Müllhalde Europas – trotz bereits stattfindender Versuche, das Problem bereits weiter an der Wurzel anzugehen.

Die falsche Debatte: Es geht nicht nur um Smartphones

Noch immer wird Elektroschrott in der Öffentlichkeit gern auf Handys und Laptops reduziert. Dabei besteht der größte Teil aus einem viel weniger sichtbaren Strom: Haushaltsgeräte, Spielzeuge, Werkzeuge, Ladegeräte, Kabel, smarte Kleinteile – kurz: der elektronische Hintergrundlärm unseres Alltags (E-Waste Monitor, 2025).

Viele dieser Produkte sind nicht für Langlebigkeit gebaut. Sie sind schwer zu reparieren, oft verklebt statt verschraubt, Ersatzteile fehlen oder sind teuer (Right to Repair, 2025). Die Folge ist eine Kultur der schnellen Ersetzung – und ein Recycling-System, das mit der Realität der Produktgestaltung nie Schritt gehalten hat. Das EU-weite “Recht auf Reparatur” muss bis Mitte des Jahres in deutsches Recht umgesetzt werden. Es verpflichtet von dann an, dass elektronische Geräte auch außerhalb der gesetzlichen Gewährleistung angemessen reparierbar bleiben. Ein durchaus guter Ansatz – nicht mehr nur “nice to have”, sondern Verbindlichkeit. Entscheidend ist nun, dass die Deutsche Bundesregierung die EU-Richtlinie vollständig, ambitioniert und ohne Hintertüren ins nationale Recht überführt

Westrafrika ist kein Ausreißer, sondern ein Spiegel

Einer der wohl bekanntesten Orte für Elektroschrott ist die Abfallzone Agbogbloshie in Ghana: sie umfasst knapp 1600 Hektar – 2200 Fußballfelder - und zeigt eindrücklich, dass das Problem nicht ist, dass „Afrika“ nicht recyceln kann. Der Ort zeigt, was passiert, wenn europäische Überproduktionkurze Produktlebenszyklen und bewusst gesetzte regulatorische Grauzonen für schwache Exportkontrollen auf globale Ungleichheit treffen (United Nations Interregional Crime and Justice Research Institute, n.d.). Laut dem Center for International Environmental Law ist diese Grauzone, dass eben eigentlicher Elektroschrott leicht als Second-Hand-Ware deklariert und exportiert werden kann - unter dem Deckmantel der Reparierbarkeit dieser Geräte (GHScientific, n.d.).

Wenn in Ghana in informellen Recyclingstrukturen und Dumpsites Kabel verbrannt werden, um an Kupfer zu gelangen (Environmental Health News, 2024), wird das in europäischen Debatten oft als lokales Problem erzählt: fehlende Infrastruktur, mangelnde Regulierung, informelle Arbeit. Doch diese Erzählung ist bequem, weil sie Ursache und Wirkung vertauscht.

Informelle Recyclingstrukturen im globalen Süden sind keine Schwachstellen, sondern eine ökonomische Antwort auf einen globalen Materialstrom (African Center, Dr. Mao Amis & Kennedy Simango, n.d.), dessen Wert Europa abschöpft, während die toxischen Kosten anderorts landen. Die Bilder von Müllhalden sind vertraut – und dienen oft dazu, Verantwortung abzuschieben. Dabei sind längst kreative, effiziente Lösungen entstanden: Upcycling, Reparatur, Wiederverwertung. Nicht aus Komfort, sondern aus Zwang – als Folge westlicher Konsummuster. Initiativen wie jene der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, n.d.) oder von NGOs und Impact-Unternehmen sind wichtig. Doch solange sich der Konsum auf der Nordhalbkugel nicht ändert, bleibt es bei Symptombekämpfung. 

Recycling als moralisches Alibi

Der Container wird zum Symbol: Was abgeholt wird, gilt als gelöst. Denn für Europäer gilt: “Aus den Augen, aus dem Sinn”. Wir sehen jedoch, dass die Problematik nun erst richtig beginnt. Die EU hat eine klare Abfallhierarchie: Vermeidung, Reduktion, Wiederverwendung, Reparatur (BMUV, 2017) – und erst, wenn das gesamte höherwertige Potenzial eines Produkts abgeschöpft wurde: Recycling. In der Praxis jedoch wird E-Waste fast ausschließlich als End-of-Life-Problem behandelt. Als Frage der Sammelquote.

Doch das ist ein Trugschluss. Eine Politik, die Recycling-Ziele erhöht, ohne Produktion und Produktdesign zu verändern, produziert vor allem eines: gute PR bei gleichbleibender Materialflut. Sie erlaubt, dass Europa sich als nachhaltig inszeniert, während es die unbequemen Teile der Wertschöpfungskette aus dem Blickfeld verlagert. Was es braucht, sind Lösungen, die wirtschaftlich sind - für die EU, als auch für den globalen Süden. Wie lange kann es noch dauern, bis Europäische KonsumentInnen verstehen, dass ihre Regierungen nicht recyceln, sondern verschiffen?

Europas Wohlstand hat eine Materialseite

Der Elektroschrott zeigt eine tiefere Spannung im europäischen Nachhaltigkeitsprojekt. Ein Wirtschaftssystem, das auf immer kürzeren Produktzyklen beruht, kann nicht am Ende der Kette repariert werden. Und ein Kontinent, der globale Standards predigt, verliert Glaubwürdigkeit, wenn er die Konsequenzen seines Konsums exportiert.

Solange Prävention, Haltbarkeit und weniger Konsum politisch unangenehm bleiben, wird Recycling zur moralischen Ausrede: Europa kann sein Selbstbild bewahren – und die materiellen Folgen tauchen anderswo auf.

Das ist kein Versagen der Technologie. Es ist ein Versagen der Ehrlichkeit. Solange wir glauben, das Müllproblem lasse sich technisch lösen, ohne unseren Lebensstil infrage zu stellen, bleibt jede Fortschrittsrhetorik Selbsttäuschung. Was es braucht, sind klare und verbindliche Spielregeln für Hersteller, Unternehmen und Exporte – und einen neuen Blick auf unsere Alltagsprodukte: Smartphones, Laptops, Haushaltsgeräte sind keine Wegwerfware, sondern Ressourcen auf Zeit. Europa hat die Größe, die intellektuelle Führungsstärke und das Talent, diese Probleme anzugehen und weltweit eine Vorreiterrolle bei der Reduzierung von Elektroschrott einzunehmen. Doch Führungsanspruch beweist sich nicht in Strategiepapiere, sondern im Verhalten. Erst wenn wir unseren Konsum reduzieren, Produkte reparieren, im Kreislauf halten, refurbishen und am Ende korrekt recyceln, kann Europa glaubwürdig von Fortschritt in der Kreislaufwirtschaft sprechen.

Quellen


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